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Neujahrsbrief
des Vorsitzenden des Verbandes der deutschen sozial – kulturellen Gesellschaften in Polen
Bernard Gaida
Liebe Freunde, liebe Landsleute, liebe Mitglieder der deutschen Gesellschaften und Organisationen in Polen!
Das Jahr 2009 haben wir vor ein paar Tagen abgeschlossen. Es war ein Jahr mit wichtigen Jubiläen im Leben unseres Volkes. Der Jahrestag des Kriegsausbruchs hat über das Jahr Vorrang gehalten, aber glücklicherweise ist er mit dem Jahrestag des Berliner Mauerfalles und der ersten freien demokratischen Wahlen in der Nachkriegszeit zusammengefallen. Diese Ereignisse haben letztendlich den tragischen Abschnitt des Krieges und der Kriegsfolgen beendet. Entfernt vom Herkunftsland, haben wir jedoch mit Stolz und nachdenklich im Mai den 60 Jahrestag der Verabschiedung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland gefeiert. Das Gesetz diente als Grundbasis für die Gestaltung der deutschen Demokratie, die wiederum als Fundament des großen Europalandes, Gründer der jetzigen Europäischen Union, geworden ist. Deutschland ist heute eines der wichtigsten Länder sowohl in der europäischen Union, als auch in der Welt und es hat seit dem Jahr 1989 für Polen und für die weiteren Länder aus Mittel- und Osteuropa bei der Erweiterung der Union gebürgt.
Der Jahrestag des Kriegsende wird uns im Jahr 2010 bestimmt nachdenklich machen, wir sollten uns jedoch dessen bewusst sein, dass wir in diesem Europateil leben, wo wir erst 1989 die Folgen des Krieges beseitigen konnten. Mit Freude erwarten wir den 20 Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands und wir wollen auch nicht den gleichen Jahrestag der Schließung des deutsch – polnischen Grenzvertrages vergessen, der die polnisch – deutschen Beziehungen zum ersten mal nach dem Krieg, auf Vertrauen, Partnerschaft und Einigung aufgebaut hat.
Als Deutsche in Polen wissen wir, dass Dank der gegenseitigen Offenheit der Deutschen und Polen wir die Möglichkeit erhalten haben, nach Jahren der Lüge und Verlogenheit, in Wahrheit zu erscheinen.
Deshalb ist das Jahr 2010 auch ein Jahr unserer eigenen Jahrestage, denn einige Organisationen in Polen wurden formell vor 20 Jahren gegründet. Seit der Zeit wurden in Ober- und Niederschlesien, in Pommern, Ermland und Masuren, in Großpolen und in Lodsch deutsche Gesellschaften gebildet. In denen haben wir angefangen unsere regionale und zugleich deutsche Traditionen, deutsche Kultur zu pflegen und zu kultivieren, aufs neue das vergessene, oder verfälschte eigene Geschichtsgedächtnis zu entdecken. Bleiben wir auf diesem Weg, denn nur die Völker, die eine eigene Geschichte und Erinnerungen haben können weiter überleben.
Soll doch das Jahr, das gerade begonnen hat, ein Jahr des dankbaren Blickes auf die Vergangenheit werden. Wir wünschen uns zugleich, dass es ein weiteres Jahr des Sammelns an Kräften und Ehrgeiz wird, dass wir alle verstehen, wie wertvoll die deutsche Sprache ist und welch einen unschätzbaren Schatz man in ihr hat. Denn sie ist es, dank der wir die deutsche Kultur genießen und erleben können, die unserem Volk weltweit Ansehen schenkte. Denn wer kennt schon die Werke Schillers, Goethes oder Hauptmanns nicht. Wem erscheinen schon solche Namen wie Kant, Schopenhauer, Bach oder Beethoven als fremd. Lernen wir, stolz auf die Zugehörigkeit zu dieser Kultur zu sein.
Dank der Sprache haben wir die Möglichkeit, eigene Familiengeschichten kennen zu lernen, Briefe unserer Vorfahren zu lesen und mit Verwandten Kontakte zu pflegen. Nehmen wir uns für dieses Jahr fest vor, dass wir diesen wertvollen Schatz nicht nur der Schule überlassen, sondern dass wir auch selbst, mit Mühe und großem Engagement die deutsche Sprache zu unserer eigenen machen, sie auch mit Freude zu Hause klingen lassen. Dass wir sie in unsere Familien erneut einführen, nach dem sie auf Grund des Schicksals und den damit verbundenen Verhältnissen entfernt wurde. Zeigen und nähern wir diesen Schatz unseren Bekannten, auch wenn diese nicht dieselben Wurzeln haben.
Seien wir ein gutes Beispiel für unsere Kinder, für die Jugend, für unsere Nachfahren. Sollen sie doch sehen, wie wichtig das Deutsch-sein für uns ist und welch einen großen Wert es darstellt.
Unterstützen wir jede Initiative auf der Ebene der Kindergärten, der öffentlichen- und Privatschulen, der Samstagsschulen, sowie der Sprachkurse. Bilden wir Schulen und Kindergärten überall dort, wo es nur möglich ist. Glauben wir fest daran, dass man vieles tun kann, und zwar nicht nur hier, in Schlesien, sondern auch in anderen Regionen Polens. Fördern wir die wahre und vollständige Zweisprachigkeit, dank der die deutsche Sprache den ihr zustehenden Status einer Muttersprache erhält. Nutzen wir die Gelegenheit, um sich mit Stolz und Freude der deutschen Sprache zu bedienen. Unterstützen wir auch jene, die immer noch lernen, diejenigen, die die deutsche Sprache benutzen und sich trotz der Fehler, die sie machen, sich nicht entmutigen lassen. Lehnen wir dabei nicht diejenigen ab, die die Sprache nicht kennen, jedoch tief im Herzen und Gedanken ihren deutschen und regionalen Wurzeln treu sind.
Es vergingen schon zwei Jahre, seit der Einführung zweisprachiger Schilder. 65 Jahre nach dem Krieg sind auf den Ortsschildern Radlau, Chronstau, Tarnau, Guttentag, Zembowitz, Stubendorf und andere Ortschaften erkennbar. Mit großer Freude begrüßen wir die zweisprachigen Namensschilder, die seit Jahrhunderten unsere Ortschaften begleiteten.
Wünschen wir uns, dass wir die Angelegenheiten, verbunden mit der Zweisprachigkeit, nicht nur den Gemeinden und Verwaltungsschildern als Aufgabe hinterlassen. Wünschen wir uns auch, dass die Zweisprachigkeit im Jahr 2010 immer mehr zum Alltag wird, dass sie ebenso auf Läden-und Unternehmensschildern, dort wo wir leben, zu sehen ist, ähnlich, wie entlang der Westgrenze, im Südtirol oder Rumänien. Setzen wir nun alles daran, um dieses Ziel zu erreichen. Tun wir das mit Takt und Respekt unseren Nachbarn gegenüber aber genauso aus Liebe zu unserer Sprache.
Bemerken wir, dass unsere Tatkraft, unser Eifer mittlerweile nachgelassen hat, oder ist es der schwindende Glaube daran, dass es uns gelingt, die Identität zu bewahren. Im letzten Jahr trafen wir uns in Breslau in der Jahrhunderthalle auf unseren Kulturfestival. Im Dom hörten wir Worte der Ermutigung. Eine riesige Menschenmenge der Deutschen aus ganz Polen von den Masuren bis Hirschberg, von Ratibor bis zu Danzig und Swinemünde, hat sich voller Freude und Optimismus versammelt. Wir kehrten gestärkt zurück. Bleiben wir so, nehmen wir die, die starke Identitäten haben und voller Eifer sind auf, schieben wir die, die mit uns sind, nicht weg. Machen wir den Nachfolgern Platz, wenn sie besser sind als wir.
Das Jahr wird auch nicht einfach für uns sein, weil uns die Kommunal-und Präsidentenwahlen erwarten. Lassen wir uns nicht entmutigen, wählen wir einstimmig mit unseren Herzen und Gewissen für das Gemeingut der Gesellschaft, in der wir als Deutsche leben, wie auch für das Wohl Polens, das mit Deutschland das Europa aufbaut. Vielfach haben wir es erlebt, dass viele Politiker verschiedener Ebenen immer wieder die zynische Antideutschkarte benutzt haben, um sich potenzielle Wähler zu gewinnen. Wir wissen, wie schädlich das auch für die polnische Bevölkerung und schmerzhaft für uns ist, die polnischen Bürger mit deutscher Abstammung. Dort, wo es Sinn und Möglichkeiten gibt, versuchen wir mit ruhigen Argumenten zu reagieren und deuten auf den meistens vergessenen moralischen Ausmaß der deutsch – polnischen Beziehungen, der seine Grundlagen im gemeinsamen Brief der deutsch-polnischen Bischöfe auf neu gewann. Nichts verlierend an unserer Identität, sollen wir immer im Schutz der Partnerschaft, Freundschaft, Versöhnung stehen und gemeinsam das multikulturelle Europa aufbauen.
Nehmen wir für dieses Jahr die Worte von der Kanzlerin Angela Merkel mit: „die Deutschen Minderheiten sind ein Schatz, den es zu pflegen gilt.(…) Heute sind Sie wichtige Mittler und Bewahrer deutscher Kultur und Sprache in Ost- und Südosteuropa und zugleich diejenigen, die eine Brücke bilden“. Aber auch die des ehemaligen Vizepremierministers Grzegorz Schetyna, die er an uns in Breslau gerichtet hat: „Die Deutsche Minderheit, befestigt Ihre nationale Identität, entwickelt sich dynamisch und zeigt sich mit ihren Handlungen als Partner in unserem gemeinsamen Heim, Polen.“
Am Ende möchte ich mir und uns allen eine Frage stellen: Was sollen wir tun? Und mit den Worten des Pfarrers Andree Schmeier aus Allenstein antworten: „Bewahre deine Kultur und deine Kultur bewahrt Dich, denk an deine Wurzeln, lebe deinen Glauben und dein Glaube wird dich zum Leben führen.“
Ein frohes Neues Jahr! Oppeln, den 04.01.2010

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